Vaterländisches Archiv
für das Herzogthum Lauenburg

Erster Band.
Ratzeburg. Verlag der Buchhandlung von H. Linsen. 1857
 


 

XIX.

Die Kirche und das Rathhaus in Möllen.

Eingesandt von Herrn Pastor A. Moraht in Möllen.

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Wir verdanken die folgenden Mitteilungen einem Kunstverständigen, welcher sich einige Zeit in Möllen aufhielt, und der, wie an so viel anderem Guten, das sich durch Gottes Gnade noch in unserem Lande findet, so auch an den Baudenkmälern alter Zeit, wie sie in der dortigen Kirche und in dem dortigen Rathhause noch dastehen, seine Freude hatte. Wir glauben, diese Mittheilungen werden auch in unserem Archiv willkommen sein, und möchten damit zu ähnlichen Mittheilungen reizen.


I. Die Kirche.
 

Ueber das Alter der dem h. Nicolaus geweihten Kirche sind, so viel bekannt, keine zuverlässige Nachrichten vorhanden. Burmester theilt in seiner Kirchengeschichte des Herzogthums Lauenburg Folgendes mit: „Sie wird schon 1236 erwähnt. Das jetzige Kirchengebäude wurde zur Zeit der Lübeckischen Herrschaft erbaut, nachdem das frühere 1408 in dem Kriege des H. Erich gegen Lübeck nebst der ganzen Stadt, von der nur 5 Häuser verschont blieben, abgebrannt war. Bei der Nachricht von der großen Feuersbrunst 1391, wo nur 10 Häuser den Flammen entgingen, wird die Kirche nicht erwähnt. Zu einer jetzt nicht

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mehr vorhandnen Inschrift: "Anno MCCCCXIII da wart desse Stadt gekoft und begunt to buwende und ist daran gemuhret in dem LVIII Jahre (wo mag dieselbe gewesen sein?) stimmt die oben an der Kirche befindliche Jahreszahl 1471, während die Bedeutung der neben der kleinen Kirchthür sich findende, 1497, sich nicht nachweisen läßt." Es ist jedoch wahrscheinlich, daß die Kirche nur ausgebrannt ist, und muß das Mauerwerk der Gluth so weit widerstanden haben, daß man es bei der Wiederherstellung der Kirche durchweg hat benutzen können. Zu dieser Muthmaßung führt die Bauart der Kirche, die im romanischen Stile ist und darnach hin der Mitte, wo nicht dem Anfange des dreizehnten Jahrhunderts angehören möchte. Die Kirche besteht aus einem Langschiffe mit halbkreisförmigem Chor-Abschlusse, einem niedrigen nördlichen und einem weit höheren und geräumigeren südlichen Halbschiffe. Letzteres gehört in seiner jetzigen Gestalt jedenfalls nicht zu dem ursprünglichen Plan der Kirche, und ist (vielleicht bei der gedachten Wiederherstellung der Kirche, also wohl im Anfange des 15. Jahrhunderts), dem größeren Raumbedürfniß der Gemeinde zu entsprechen, vergrößert worden. Bei diesem Umbau ist die Südmauer des Langschiffes, um es mit dem nun beinahe gleich hohen südlichen Seitenschiffe näher zu verbinden, von zwei hohen Bögen durchbrochen worden. Ueber denselben bemerkt man indeß die Spuren von zugemauerten Fenstern, welche, mit denen an der Nordseite des Langschiffes noch vorhandenen correspondirend, auch an der Südseite desselben das Seitenschiff überragt haben mögen und die Voraussetzung unterstützen, daß ursprünglich beide Seitenschiffe an Höhe und Umfang einander gleich waren. *)

Das Aeußere von Kirche und Thurm zeigt einen schmuck-
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*) Der ursprüngliche Haupteingang war an der Westseite, wo noch Spuren desselben sichtbar sind.

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losen Backsteinbau, Der Thurm ist von schwerfälliger, einfach viereckiger Gestalt, überragt die Kirche ungefähr mit einem Dritttheil seiner Höhe, und schließt mit einem steilen Dache, welches ein schlankes Spitzthürmchen trägt.

An Kunstwerken enthält die Kirche viele Gemälde, theils auf Leinewand, theils auf Holz, die mit ihren schönen Inschriften als fromme Stiftungen der Väter und Denkmäler einer besseren Vorzeit der Gemeinde wie billig sehr lieb und theuer, aber weder durch Kunstwerth noch hohes Alter ausgezeichnet sind. Dasselbe gilt von den Skulpturen in Stein. Dagegen sind etliche Broncegüsse, einige Schnitzwerke in Holz, und zwei der Kirche gehörende Abendmahlskelche sehr erwähnenswerth.

A. Zu den Broncegüssen gehört zuerst ein Taufbrunnen. Derselbe besteht aus einem pokalförmigen Körper, welcher von drei knieenden Engeln getragen wird. In halberhabener Arbeit sind an seiner Außenfläche acht von gewundenen Säulen getragene flache Bögen angebracht, welche eben so viele Felder bilden, von denen sieben, ein jedes mit einer stehenden Figur, das achte mit dem Wappen der Stadt Möllen ausgefüllt wird.

Im
1sten Felde: Maria mit dem Christuskinde auf dem Arme.
2ten Felde: ein Mann im Bischofsgewande (vermuthlich St. Nicolaus.)
3ten Felde: Wappen von Möllen (ein Rad.)
4ten Felde: Die heilige Katharina (mit einem Rade an der Seite.)
5ten Felde: Der heilige Christophorus.
6ten Felde: Eine Frau im Nonnengewande, mit einem Kinde auf dem Arme und einem jungen Mädchen, welches eine Krone auf dem Haupte trägt, zur Seite (wahrscheinlich St. Anna mit der heiligen Jungfrau zur Seite und dem Christuskinde auf dem Arme.)


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7ten Felde: Ein Mohr in Waffenrüstung, welcher den heiligen Mauritius darstellt. 8ten Felde: Johannes der Täufer.

Die knieenden Engel, welche den Brunnen tragen, hielten, wie dies noch vorhandene Spuren verrathen, früher Gegenstände in den Händen, die indeß leider, der Hauptsache nach, abhanden gekommen sind. Aus dem Ueberreste eines derselben, welcher wie der Fuß eines Bechers aussieht, könnte man vermuthen, daß es Attribute sacramentaler Handlungen gewesen seien.

Außen, am Rande der Oeffnung des Taufbrunnens stehen folgende Worte in neugothischer Minuskel-Schrift:

Ano dm MVCIX (1509?) do leten de Kercksvaren to mollen geten desse dope de to der tid svaren weren ik melter peter wulf.

Zwischen dieser Inschrift ist an zwei Stellen das Lübeckische Wappen, der Doppeladler, angebracht, was es also zur Gewißheit macht, daß dieser Taufbrunnen während der Zeit, wo Möllen an Lübeck verpfändet war, entstanden ist. Der Stil des Werkes zeigt aus das Ende des l5ten, spätestens den Anfang des 16ten Jahrhunderts hin. Die Höhe des ganzen Brunnens beträgt 38 1/2 Zoll Hambgr. Maaß.

2) ein siebenarmiger Leuchter. Seine Gestalt ist dem aus Jerusalem entführten Tempelleuchter, welcher auf einem Relief des Titusbogens in Rom dargestellt ist, offenbar nachgebildet, und besteht aus einem, von breiter runder Basis sich erhebenden, durch sieben Ringe in eben so viele Absätze getheilten, runden Schafte, welcher 6 Arme trägt, davon je 2 zusammenhängen und um die Axe jenes Schaftes sich beliebig drehen lassen. Das Ganze wird von drei sphynxartig liegenden Löwen getragen. Rund um die Oberfläche der Basis ist folgende Inschrift in neugothischer Minuskel-Schrift eingegraben:

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na godes bort MCCCC unde in dem XXXVI iaro up sunte michel dach.

Das Wort svnte in dieser Inschrift ist unverständlich, wenn es nicht etwa in verfälschter Schreibart sante bedeuten soll. Die Höhe des Leuchters beträgt 6 Fuß Hamburgisch. Er ist, der Sage nach, vor Jahrhunderten von Schiffern in der Stecknitz gefunden worden, und gehört - wie eine neuere Inschrift auf demselben zeigt - dem Amte der Stecknitzfahrer.


B. Schnitzwerke in Holz.

1) Ein KOLOSSALES CRUCIFIX. Es ist auf einem, das Langschiff der Kirche kurz vor dem Chorabschnitte quer überspannenden Balken befestigt. Früher sollen zwei Figuren, vermuthlich die der Jungfrau Maria und des Evangelisten Johannis, zu beiden Seiten des Crucifixes gestanden haben. Die Gestalt des Gekreuzigten ist streng kirchlich stilisirt und auch künstlerisch gut geformt. Das Kreuz ist von Weinranken eingefaßt. In den vier Endpunkten desselben, welche in Kleeblätter auslaufen, sind die Attribute der vier Evangelisten: Adler, Engel, Ochse und Löwe, welche die Namen Ersterer auf Querbändern tragen - halberhaben geschnitzt. Der Querbalken, worauf das Cruxifix ruht, trägt in neugothischen erhaben gearbeiteten Minuskeln die Inschrift:

Anno. milleno. quinget. quoque. trino. hoc. opus. est. inchoafu. ano. qrto. cosumatu. -

2) Ein HÖLZERNER LEUCHTER. Er hängt an dem Gewölbe des südlichen Seitenschiffes der Kirche, früher im Hauptschiffe, und besteht aus einem baldachinartigen Baue, über dem, in der Diagonale, ein zweiter gothisch durchbrochner sich erhebt, dessen Spitze die Gestalt des Auferstandenen trägt. Die volle Höhe des Ganzen mag etwa 10 Fuß betragen. An jedem der vier Pfeiler, welche den Baldachin tragen, lehnt sich eine kleine gewundene Säule, deren jede eine Figur trug. Nur drei derselben


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sind noch an ihrem Platze, Unter dem Baldachin sieht man in halber Lebensgröße die knieende Gestalt der Jungfrau Maria, hinter ihr den Engel der Verkündigung. Um den Sockel läuft die Inschrift:

Ecce Ancilla Domini, Mihi Secundum Verbum Tuum. Anno 1506.

3) MEHRERE EINZELNE FIGUREN verschiedener Größe, meistens vergoldet und gemalt, darunter: ein Christus am Kreuze mit Maria und Johannes, - ein Crucifix, - Christus und Maria neben einander sitzend, beide gekrönt, - Maria mit dem Leichnam Christi auf dem Schooße, - eine kleine Gestalt der Maria mit dem Christuskinde, - und noch 20 andere Figuren, welche Apostel, Heilige und Märtyrer darstellen. Alle diese Figuren sollen aus dem benachbarten, im 16ten Jahrhunderte zerstörten Kloster Marienwold, hierhergebracht sein. Gegenwärtig sind sie in der Sakristei hiesiger Kirche aufgestellt.


C. Goldschmiedsarbeit.

a. Ein SILBERNER VERGOLDETER ABENDMAHLSKELCH.

Ein sechsseitiges, unten in eben so viele Halbbögen auslaufendes, überaus zierlich gestaltetes Piedestal trägt die Trinkschale, welche so wenig convex gebogen ist, daß ihr Durchschnitt beinahe einem gleichseitigen Dreiecke gleich kommt. In der obern Hälfte des Piedestals verbreitet es sich zu einem sinnreich gearbeiteten Knaufe, wird dann aber über demselben wieder schmäler. An diesem letzteren Theile sind die Buchstaben hW e i, abwechselnd mit Rosen, eingegraben. Die sechs viereckigen Vorsprünge am Knaufe enthalten golden in schwarzer Emaille die Buchstaben. i Kh e s u s. Zwischen einem jeden dieser Vierecke ist, ein wenig zurücktretend, ein schön geformter Christuskopf angebracht. IJn dem dicht unter dem Knaufe befindlichen Theil des Piedestals sind abwechselnd mit Rosen die Buchstaben v s r gravirt. Auf dem ersten Halbbogen des Piedestals liegt etwas erhoben ein Crucifix, zu dessen

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Seiten die Buchstaben bd und co eingegraben sind. IJn dem vierten Halbbogen ist das Bild der heil. Katharina gravirt. Auf dem oberen Rande der fünf auf das Crucifix folgenden Halbbogen sind die hier angegebenen Schriftzeichen gegraben:
 


Die Höhe des Kelches beträgt 7 1/2 Zoll Hamburg. Maaß.


b. Ein ZWEITER SILBERNER VERGOLDETER ABENDMAHLSKELCH. Derselbe ist in der Hauptform dem erst beschriebenen gleich, aber in seinen Proportionen minder zierlich. Die Trink« schale dieses zweiten ist mehr convexr gestaltet, und daher der jetzt gebräuchlichen Form ähnlicher. Auch bei diesem Kelche treten am Knaufe sechs viereckige Vorsprünge heraus, welche die Buchstaben i a r e g s, golden auf schwarzem Grunde, tragen. Auf den, zwischen jenen Vierecken halberhaben gearbeiteten Blättern sind verschlungene Bänder und Rosetten abwechselnd gravirt. Auf dem Rande der sechs Halbbögen des Piedestals ist folgende Inschrift eingegraben:
 


Dieser Kelch scheint minder alt zu sein als der erst beschriebene. Seine Höhe beträgt 8 Zoll Hamburg. Sämmtliche Inschriften aus beiden Kelchen sind in neugothischen Minuskeln gegeben.


II. Das Rathhaus.
 

Von der Zeit der Erbauung desselben giebt eine in schwarzglacirte Ziegel gegrabene und mit denselben gebrannte, daher unzweifelhaft ächte, Inschrift an dem östlichen Giebel zuverlässige Nachricht. Sie lautet deutlich in gothischen Schriftzügen: Anno Domini MCCCLXXIII. und weist somit das Alter des Gebäudes auf 1373 zurück. An der Ostseite der, den Haupteingang zie-


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renden gewölbten Laube hingegen befindet sich eine nicht minder ächte, zum Theil aber schwerverständliche Inschrift, welche die Erbauung dieses Theils des Gebäudes in das Ende des l5ten Jahrhunderts zu verlegen scheint. Es mag mithin das oben von der Kirche Gesagte auch hier gelten.

Der Stil des Rathhauses ist der germanische. Ursprünglich war es ein nur mäßig großes, von einer gewölbten Thorfahrt der Tiefe nach durchschnittenes, an den Seiten gegen Ost und West mit wohlgestalteten Treppengiebeln verziertes, einstöckiges Gebäude. *) Etwas später ward an die nördliche Façade ein Flügel gebaut, und, - vielleicht zu gleicher Zeit, - die gewölbte Laube am Eingang zum Hauptgebäude hinzugefügt. Der westliche Giebel des letzteren ist durch ein daran stoßendes Bürgerhaus jetzt zum Theil verdeckt. Ganz frei aber und wohl erhalten stellt sich der östliche, der Kirche zugewendete Giebel dem Beschauer dar, und erfreut nicht minder durch seine kräftige, geschmackvoll verzierte Gestalt, wie es durch seine, bei so hohem Alter fast an's Wunderbare grenzende gute bauliche Erhaltung in Erstaunen setzt, und für die Solidität, womit unsere Voreltern bauten, ein glänzendes Zeugniß ablegt.

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*) Unter dem östlichen Giebel sind am ersten Stockwerk noch Spuren einer spitzbogigen großen Thür, welche wohl früher der Haupteingang war, jetzt aber zugemauert ist.

 

 

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