| Wir verdanken die folgenden Mitteilungen einem
Kunstverständigen, welcher sich einige Zeit in Möllen aufhielt, und
der, wie an so viel anderem Guten, das sich durch Gottes Gnade noch
in unserem Lande findet, so auch an den Baudenkmälern alter Zeit,
wie sie in der dortigen Kirche und in dem dortigen Rathhause noch
dastehen, seine Freude hatte. Wir glauben, diese Mittheilungen
werden auch in unserem Archiv willkommen sein, und möchten damit zu
ähnlichen Mittheilungen reizen.
I. Die Kirche.
Ueber das Alter der dem h. Nicolaus geweihten
Kirche sind, so viel bekannt, keine zuverlässige Nachrichten
vorhanden. Burmester theilt in seiner Kirchengeschichte des
Herzogthums Lauenburg Folgendes mit: „Sie wird schon 1236 erwähnt.
Das jetzige Kirchengebäude wurde zur Zeit der Lübeckischen
Herrschaft erbaut, nachdem das frühere 1408 in dem Kriege des H.
Erich gegen Lübeck nebst der ganzen Stadt, von der nur 5 Häuser
verschont blieben, abgebrannt war. Bei der Nachricht von der großen
Feuersbrunst 1391, wo nur 10 Häuser den Flammen entgingen, wird die
Kirche nicht erwähnt. Zu einer jetzt nicht
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mehr vorhandnen Inschrift: "Anno MCCCCXIII da wart
desse Stadt gekoft und begunt to buwende und ist daran gemuhret in
dem LVIII Jahre (wo mag dieselbe gewesen sein?) stimmt die oben an
der Kirche befindliche Jahreszahl 1471, während die Bedeutung der
neben der kleinen Kirchthür sich findende, 1497, sich nicht
nachweisen läßt." Es ist jedoch wahrscheinlich, daß die Kirche nur
ausgebrannt ist, und muß das Mauerwerk der Gluth so weit
widerstanden haben, daß man es bei der Wiederherstellung der Kirche
durchweg hat benutzen können. Zu dieser Muthmaßung führt die Bauart
der Kirche, die im romanischen Stile ist und darnach hin der Mitte,
wo nicht dem Anfange des dreizehnten Jahrhunderts angehören möchte.
Die Kirche besteht aus einem Langschiffe mit halbkreisförmigem
Chor-Abschlusse, einem niedrigen nördlichen und einem weit höheren
und geräumigeren südlichen Halbschiffe. Letzteres gehört in seiner
jetzigen Gestalt jedenfalls nicht zu dem ursprünglichen Plan der
Kirche, und ist (vielleicht bei der gedachten Wiederherstellung der
Kirche, also wohl im Anfange des 15. Jahrhunderts), dem größeren
Raumbedürfniß der Gemeinde zu entsprechen, vergrößert worden. Bei
diesem Umbau ist die Südmauer des Langschiffes, um es mit dem nun
beinahe gleich hohen südlichen Seitenschiffe näher zu verbinden, von
zwei hohen Bögen durchbrochen worden. Ueber denselben bemerkt man
indeß die Spuren von zugemauerten Fenstern, welche, mit denen an der
Nordseite des Langschiffes noch vorhandenen correspondirend, auch an
der Südseite desselben das Seitenschiff überragt haben mögen und die
Voraussetzung unterstützen, daß ursprünglich beide Seitenschiffe an
Höhe und Umfang einander gleich waren. *)
Das Aeußere von Kirche und Thurm zeigt einen schmuck-
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*) Der ursprüngliche Haupteingang war an der Westseite, wo noch
Spuren desselben sichtbar sind.
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losen Backsteinbau, Der Thurm ist von
schwerfälliger, einfach viereckiger Gestalt, überragt die Kirche
ungefähr mit einem Dritttheil seiner Höhe, und schließt mit einem
steilen Dache, welches ein schlankes Spitzthürmchen trägt.
An Kunstwerken enthält die Kirche viele Gemälde, theils auf
Leinewand, theils auf Holz, die mit ihren schönen Inschriften als
fromme Stiftungen der Väter und Denkmäler einer besseren Vorzeit der
Gemeinde wie billig sehr lieb und theuer, aber weder durch
Kunstwerth noch hohes Alter ausgezeichnet sind. Dasselbe gilt von
den Skulpturen in Stein. Dagegen sind etliche Broncegüsse, einige
Schnitzwerke in Holz, und zwei der Kirche gehörende Abendmahlskelche
sehr erwähnenswerth.
A. Zu den Broncegüssen gehört zuerst ein Taufbrunnen. Derselbe
besteht aus einem pokalförmigen Körper, welcher von drei knieenden
Engeln getragen wird. In halberhabener Arbeit sind an seiner
Außenfläche acht von gewundenen Säulen getragene flache Bögen
angebracht, welche eben so viele Felder bilden, von denen sieben,
ein jedes mit einer stehenden Figur, das achte mit dem Wappen der
Stadt Möllen ausgefüllt wird.
Im
1sten Felde: Maria mit dem Christuskinde auf dem Arme.
2ten Felde: ein Mann im Bischofsgewande (vermuthlich St. Nicolaus.)
3ten Felde: Wappen von Möllen (ein Rad.)
4ten Felde: Die heilige Katharina (mit einem Rade an der Seite.)
5ten Felde: Der heilige Christophorus.
6ten Felde: Eine Frau im Nonnengewande, mit einem Kinde auf dem Arme
und einem jungen Mädchen, welches eine Krone auf dem Haupte trägt,
zur Seite (wahrscheinlich St. Anna mit der heiligen Jungfrau zur
Seite und dem Christuskinde auf dem Arme.)
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7ten Felde: Ein Mohr in Waffenrüstung, welcher
den heiligen Mauritius darstellt. 8ten Felde: Johannes der Täufer.
Die knieenden Engel, welche den Brunnen tragen, hielten, wie dies
noch vorhandene Spuren verrathen, früher Gegenstände in den Händen,
die indeß leider, der Hauptsache nach, abhanden gekommen sind. Aus
dem Ueberreste eines derselben, welcher wie der Fuß eines Bechers
aussieht, könnte man vermuthen, daß es Attribute sacramentaler
Handlungen gewesen seien.
Außen, am Rande der Oeffnung des Taufbrunnens stehen folgende Worte
in neugothischer Minuskel-Schrift:
Ano dm MVCIX (1509?) do leten de Kercksvaren to mollen geten desse
dope de to der tid svaren weren ik melter peter wulf.
Zwischen dieser Inschrift ist an zwei Stellen das Lübeckische
Wappen, der Doppeladler, angebracht, was es also zur Gewißheit
macht, daß dieser Taufbrunnen während der Zeit, wo Möllen an Lübeck
verpfändet war, entstanden ist. Der Stil des Werkes zeigt aus das
Ende des l5ten, spätestens den Anfang des 16ten Jahrhunderts hin.
Die Höhe des ganzen Brunnens beträgt 38 1/2 Zoll Hambgr. Maaß.
2) ein siebenarmiger Leuchter. Seine Gestalt ist dem aus Jerusalem
entführten Tempelleuchter, welcher auf einem Relief des Titusbogens
in Rom dargestellt ist, offenbar nachgebildet, und besteht aus
einem, von breiter runder Basis sich erhebenden, durch sieben Ringe
in eben so viele Absätze getheilten, runden Schafte, welcher 6 Arme
trägt, davon je 2 zusammenhängen und um die Axe jenes Schaftes sich
beliebig drehen lassen. Das Ganze wird von drei sphynxartig
liegenden Löwen getragen. Rund um die Oberfläche der Basis ist
folgende Inschrift in neugothischer Minuskel-Schrift eingegraben:
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na godes bort MCCCC unde in dem XXXVI iaro up
sunte michel dach.
Das Wort svnte in dieser Inschrift ist unverständlich, wenn es nicht
etwa in verfälschter Schreibart sante bedeuten soll. Die Höhe des
Leuchters beträgt 6 Fuß Hamburgisch. Er ist, der Sage nach, vor
Jahrhunderten von Schiffern in der Stecknitz gefunden worden, und
gehört - wie eine neuere Inschrift auf demselben zeigt - dem Amte
der Stecknitzfahrer.
B. Schnitzwerke in Holz.
1) Ein KOLOSSALES CRUCIFIX. Es ist auf einem, das
Langschiff der Kirche kurz vor dem Chorabschnitte quer
überspannenden Balken befestigt. Früher sollen zwei Figuren,
vermuthlich die der Jungfrau Maria und des Evangelisten Johannis, zu
beiden Seiten des Crucifixes gestanden haben. Die Gestalt des
Gekreuzigten ist streng kirchlich stilisirt und auch künstlerisch
gut geformt. Das Kreuz ist von Weinranken eingefaßt. In den vier
Endpunkten desselben, welche in Kleeblätter auslaufen, sind die
Attribute der vier Evangelisten: Adler, Engel, Ochse und Löwe,
welche die Namen Ersterer auf Querbändern tragen - halberhaben
geschnitzt. Der Querbalken, worauf das Cruxifix ruht, trägt in
neugothischen erhaben gearbeiteten Minuskeln die Inschrift:
Anno. milleno. quinget. quoque. trino. hoc. opus. est. inchoafu.
ano. qrto. cosumatu. -
2) Ein HÖLZERNER LEUCHTER. Er hängt an dem Gewölbe des südlichen
Seitenschiffes der Kirche, früher im Hauptschiffe, und besteht aus
einem baldachinartigen Baue, über dem, in der Diagonale, ein zweiter
gothisch durchbrochner sich erhebt, dessen Spitze die Gestalt des
Auferstandenen trägt. Die volle Höhe des Ganzen mag etwa 10 Fuß
betragen. An jedem der vier Pfeiler, welche den Baldachin tragen,
lehnt sich eine kleine gewundene Säule, deren jede eine Figur trug.
Nur drei derselben
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sind noch an ihrem Platze, Unter dem Baldachin
sieht man in halber Lebensgröße die knieende Gestalt der Jungfrau
Maria, hinter ihr den Engel der Verkündigung. Um den Sockel läuft
die Inschrift:
Ecce Ancilla Domini, Mihi Secundum Verbum Tuum. Anno 1506.
3) MEHRERE EINZELNE FIGUREN verschiedener Größe, meistens vergoldet
und gemalt, darunter: ein Christus am Kreuze mit Maria und Johannes,
- ein Crucifix, - Christus und Maria neben einander sitzend, beide
gekrönt, - Maria mit dem Leichnam Christi auf dem Schooße, - eine
kleine Gestalt der Maria mit dem Christuskinde, - und noch 20 andere
Figuren, welche Apostel, Heilige und Märtyrer darstellen. Alle diese
Figuren sollen aus dem benachbarten, im 16ten Jahrhunderte
zerstörten Kloster Marienwold, hierhergebracht sein. Gegenwärtig
sind sie in der Sakristei hiesiger Kirche aufgestellt.
C. Goldschmiedsarbeit.
a. Ein SILBERNER VERGOLDETER ABENDMAHLSKELCH.
Ein sechsseitiges, unten in eben so viele Halbbögen auslaufendes,
überaus zierlich gestaltetes Piedestal trägt die Trinkschale, welche
so wenig convex gebogen ist, daß ihr Durchschnitt beinahe einem
gleichseitigen Dreiecke gleich kommt. In der obern Hälfte des
Piedestals verbreitet es sich zu einem sinnreich gearbeiteten
Knaufe, wird dann aber über demselben wieder schmäler. An diesem
letzteren Theile sind die Buchstaben hW e i, abwechselnd mit Rosen,
eingegraben. Die sechs viereckigen Vorsprünge am Knaufe enthalten
golden in schwarzer Emaille die Buchstaben. i Kh e s u s. Zwischen
einem jeden dieser Vierecke ist, ein wenig zurücktretend, ein schön
geformter Christuskopf angebracht. IJn dem dicht unter dem Knaufe
befindlichen Theil des Piedestals sind abwechselnd mit Rosen die
Buchstaben v s r gravirt. Auf dem ersten Halbbogen des Piedestals
liegt etwas erhoben ein Crucifix, zu dessen 1857/19 -
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Seiten die Buchstaben bd und co eingegraben sind.
IJn dem vierten Halbbogen ist das Bild der heil. Katharina gravirt.
Auf dem oberen Rande der fünf auf das Crucifix folgenden Halbbogen
sind die hier angegebenen Schriftzeichen gegraben:

Die Höhe
des Kelches beträgt 7 1/2 Zoll Hamburg. Maaß.
b. Ein ZWEITER SILBERNER VERGOLDETER ABENDMAHLSKELCH. Derselbe ist
in der Hauptform dem erst beschriebenen gleich, aber in seinen
Proportionen minder zierlich. Die Trink« schale dieses zweiten ist
mehr convexr gestaltet, und daher der jetzt gebräuchlichen Form
ähnlicher. Auch bei diesem Kelche treten am Knaufe sechs viereckige
Vorsprünge heraus, welche die Buchstaben i a r e g s, golden auf
schwarzem Grunde, tragen. Auf den, zwischen jenen Vierecken
halberhaben gearbeiteten Blättern sind verschlungene Bänder und
Rosetten abwechselnd gravirt. Auf dem Rande der sechs Halbbögen des
Piedestals ist folgende Inschrift eingegraben:

Dieser Kelch scheint minder alt zu sein als der erst beschriebene.
Seine Höhe beträgt 8 Zoll Hamburg. Sämmtliche Inschriften aus
beiden Kelchen sind in neugothischen Minuskeln gegeben.
II. Das Rathhaus.
Von der Zeit der Erbauung desselben giebt eine in
schwarzglacirte Ziegel gegrabene und mit denselben gebrannte, daher
unzweifelhaft ächte, Inschrift an dem östlichen Giebel zuverlässige
Nachricht. Sie lautet deutlich in gothischen Schriftzügen: Anno
Domini MCCCLXXIII. und weist somit das Alter des Gebäudes auf 1373
zurück. An der Ostseite der, den Haupteingang zie-
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renden gewölbten Laube hingegen befindet sich
eine nicht minder ächte, zum Theil aber schwerverständliche
Inschrift, welche die Erbauung dieses Theils des Gebäudes in das
Ende des l5ten Jahrhunderts zu verlegen scheint. Es mag mithin das
oben von der Kirche Gesagte auch hier gelten.
Der Stil des Rathhauses ist der germanische. Ursprünglich war es ein
nur mäßig großes, von einer gewölbten Thorfahrt der Tiefe nach
durchschnittenes, an den Seiten gegen Ost und West mit
wohlgestalteten Treppengiebeln verziertes, einstöckiges Gebäude. *)
Etwas später ward an die nördliche Façade ein Flügel gebaut, und, -
vielleicht zu gleicher Zeit, - die gewölbte Laube am Eingang zum
Hauptgebäude hinzugefügt. Der westliche Giebel des letzteren ist
durch ein daran stoßendes Bürgerhaus jetzt zum Theil verdeckt. Ganz
frei aber und wohl erhalten stellt sich der östliche, der Kirche
zugewendete Giebel dem Beschauer dar, und erfreut nicht minder durch
seine kräftige, geschmackvoll verzierte Gestalt, wie es durch seine,
bei so hohem Alter fast an's Wunderbare grenzende gute bauliche
Erhaltung in Erstaunen setzt, und für die Solidität, womit unsere
Voreltern bauten, ein glänzendes Zeugniß ablegt.
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*) Unter dem östlichen Giebel sind am ersten Stockwerk noch Spuren
einer spitzbogigen großen Thür, welche wohl früher der Haupteingang
war, jetzt aber zugemauert ist.
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